Revulotion
Wir sollten mal überschlagen, auf wie viele Revolutionen wir es jetzt gebracht haben und in welcher wir akutell stecken. Die Werbefuzzis machen es uns auch nicht leicht, das alles auseinander zu halten. Im Grunde ist alles . Vor allem im Netz. Und Revolution verkauft gut. Das war schon immer so. Zunächst verkaufen die Schmierenblätter mehr, weil Ihre Auflagen von Drama nur so erzittern. Und mit etwas Delay (Verzögerung) kommen dann die Trittbrett fahrenden, billigen Profiteure aus ihren Löchern gekrochen und setzen eine Menge – meist Geld – daran, als Revolutionär gefeiert zu werden. Und schon wird alles zur Revolution.

Zunächst erstritten sich die Amerikaner ihre Unabhängigkeit – damals gabs noch keine Google. Echt nicht. Und dann kam mit der Französischen Revolution, der erste Ruf nach einem für alle nutzbaren sozialen Netzwerk mit den Allgemeinen Geschäftsbedingungen „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“. Schon damals war zwar bekannt, das Geld die Welt regiert, aber man hoffte noch mit vereinten Kräften diesen Bann zu brechen. In der Zwischenzeit hat man dieses Unterfangen gänzlich aufgegeben. Seine Daten überlässt man Skynet, das in diesen Tagen noch GOOGLE heißt, auf Facebook postet man revolutionäre Sprüche und hässliche Bilder, auf eBay verscheuert man seine Großmutter, bei Amazon bestellt man Schriften über den Mindestlohn und mit Apple talkt man mit seiner Freundin, die nur wenige Straßen weiter lebt, stundenlang über den letzten Scheiß. Zwischendurch klebt man noch ein paar Portraits von sich – möglichst in Geschäftspose oder mit Kussmund – an coole Pinwände im Internet. Und das wars dann. Das war dann die Internet-Revolution. Tut niemanden weh. Außer vielleicht dem Geldbeutel. Denn am Ende muss man die ganzen Flatrates ja bezahlen. Man selber wird zwar nie reich oder frei, ist aber auch nicht so wichtig, so lange man auf seinem Smartphone rumdaddeln kann.

In der irrationalen, sich aber für rational haltenden Welt der digitalen Hochtechnologie wird jeder neuerdings über Kreuz verlötete Metallzipfel als nie dagewesene Revolution vermarktet. *Sascha Lobo auf SPON am 7.8.2012

Wir haben die Industrielle Revolution ganz vergessen, die bis heute unzähligen Lebewesen den Kopf kostet. Und das ist noch untertrieben. Wir überspringen einfach die Kommunistische und die Völkische Revolution von 1933, und geben uns gleich zur Digitalen Revolution, die den Menschen endgültig und vermutlich im Nachhinein auch erfolgreicher von einem Körper und dessen Bedürfnissen befreit. Was kam eigentlich danach, also vor der Facebook-Revolution? Zur großen Überraschung vieler, war Facebook mit seinen Abermillionen engagierten Usern in der Lage, einigen alten Gewaltherrschern in Nordafrika den Garaus zu machen. Also, was kam denn nun davor? Die Wischgesten-Revolution? Die Smartphone-Revolution? Die Fernseh-Revolution? Die Energy-Drink-Revolution? Und was ist jetzt? Befinden wir uns in der Leihrad-Revolution? Der Gärtnern-am-Balkon-Revolution? In der Jede(r)-ist-ein-Künstler-der-eine-Spiegelreflex-auslösen-kann-Revolution? Oder etwas der Social-Media-Revolution? Vielleicht der Start-Up-Revolution? Oder was ist hier los? Man sollte eine Agentur beauftragen, um das zu klären. Consulting. Dies Business-Punks machen einen Pitch, mit brillanten Captions, pointen auf die Targets, mit natürlicher Likeability, damit das mit der Payroll hinkommt und der Launch ASAP stattfinden kann.

Ich glaube, wir leben in der -Revolution. Und da hilft eigentlich nur eins – man kanns nicht oft genug wiederholen: Offline gehen … und bleiben!