Alle wollen etwas sagen. Mitmischen. Sich beklagen. Eine Adresse haben. Viele erhoffen sich Aufmerksamkeit und Anerkennung. Andere wollen ins Fernsehen, sind „famegeil“ oder hängen sich dran, um Auflage zu machen, zu verkaufen, weil es ihr Job ist. Und so ging aus einer harmlosen Begebenheit zwischen einem Politiker mit einer jungen Journalisten ein Aufschrei durch die Republik? Republik? Ja. Durch die - und Medienrepublik Deutschland. Plötzlich schien es, alle hätte jeder zum Thema „Sexueller Belästigung“ etwas wichtiges zu sagen. Eifrige Nerds solidarisierten sich umgehend mit dem neuen Twitterhashtag und bieterten sich deren Erfinderin an. Andere Twitterinnen erinnerten sich auf einmal an übergriffige Eskapaden fehlgeleiteter Männer und berichteten in maximal 140 Zeichen unter darüber. Es sollen 16.000 Menschen innerhalb kürzester Zeit gewesen sein. Von 80.000.000. Das sind rund 0,002 % (Prozent) der Bevölkerung. Wahnsinn.

Dabei gilt folgender Aufschrei: Immer, wenn sich die Masse wie eine klebrige Substanz, an ein zum Hashtag gewordenen Schlagwort hängt, ist Vorsicht geboten. Denn die Ergüsse der Crowd, des Schwarms, der Masse und des Internetmobs scheren sich nicht um Details oder Tatsachen. Sie sind plakativ, populistisch. Wie differenziert können 140 Zeichen am Ende schon sein? Die Sache hat eher den Charakter eines Prangers – wie im Mittelalter, als das Volk die (zu recht oder unrecht) Verurteilten auf dem Marktplatz beschimpfen, verspotten, bewerfen, erniedrigen und beleidigen durfte. So ein Onlinepranger – Shitstorm – hat meist kaum etwas Erhellendes und sagt mehr über den Wind als über seine Ursache aus. Es ist eher eine Art doofes Spiel.

Nun haben wir mit dem #Aufschrei eine typisch Deutsche . Im schlechteren Sinne, wie ich meine. Während viele Frauen in Asien tagtäglich überall mit Übergriffen und Erniedrigungen zu rechnen haben und sich AUF DEN STRASSEN dagegen wehren, sitzt man ihr vor seinem dämlichen Rechner und pupst in den Sessel. In Indien wurde eine junge Frau brutal vergewaltigt und starb an den Folgen. Ganz furchtbar, schrecklich. Aber hier ruft eine zotige Bemerkung, die keinesfalls erniedrigend gemeint war, eines durchaus sympatischen Politikers, eine wilde in einem amerikanischen Onlinedienst hervor. Dafür möchte man sich schämen. Mir ist das zu billig. Dafür kenne ich selbst eine ganze Reihe von Missbrauchsopfern, die mit dem „Herrenwitz“ der STERN-Reporterin nichts, aber auch gar nichts gemein haben.

Als Mann wurde ich seit Jahren weder Zeuge einer sexuellen Belästigung, noch wurde mir aus der Nähe darüber berichtet. Ganz abgesehen davon, dass die meisten Menschen, die ich treffe, mit dieser Twitter-Geschichte und dem #Aufschrei im Internet gar nichts zu tun haben. Das interessiert die meisten Leute nicht, man hat ganz andere Sorgen. Die (extrem selbstreferentielle) Twittergemeinde betreibt einmal mehr Inszest, um im Bild zu bleiben.

Von sexuellen Übergriffen, die mir berichtet wurden, hatte alle entweder mit Alkohol zu tun oder mit einem Machtgefälle. Darüber kann und soll man auch reden: Von den Abhängigen, die Angst um ihrem Job haben und so missbraucht werden, von hilflosen, vor allem jugendlichen Opfern, die von gestörten Erwachsenen vergewaltigt werden. Aber dass das auf einmal ein echtes gesellschaftliches Problem sein soll und einen empörten Aufschrei rechtfertigt, ist mir nichts bekannt.

Über Sexismus, sexuelle Gewalt und Erniedrigung sollte man reden. Aber nicht nur dann, wenn es gerade cool ist im Internet oder wenn man eine Chance sieht, durch einen Skandal Bekanntheit zu erlangen. Aufschrei.

Lass uns über Alkohol reden und was der aus Menschen macht. Ihr seid besoffen an der Bar oder im Club. Aufschrei. Lasst uns die Zusammenhänge sehen. Aber macht euch nicht allzu einfach mit der Sache. Ein digitaler Aufschrei ist eher hinderlich und angesichts realer Opfer geradezu lächerlich. Vor allem will mir nicht aufgehen, was die Sache mit Herrn Brüderle zu tun haben soll. Und die Aufschrei-Menschen bleiben mit die Antwort schuldig, für was genau sich Bürderle entschuldigen soll.

Dazu kommt noch, dass es in Deutschland keine wirkliche Flirtkultur gibt. Wenn wir beispielsweise an Frankreich denken, wo die Frauen nicht nur offenherziger, toleranter und charmanter sind, sondern sich auch ganz natürlich gegen unflätige Bemerkungen und Aufdringlichkeiten zu wehren wissen. Hier in Deutschland schmort man offenbar allzu gern im eigenen Saft. Lieber ein digitaler Aufschrei, als ein selbstbewußter, souveräner Umgang mit dem anzüglichen Manne.

Die Erfindung vom #Aufschrei

Die junge Nerdette, wie sie sich selbst nennt, hat diese Twitter-Aktion mit der Erfindung des Hashtags #Aufschrei sichtbar gemacht. Sie ist eine hübsche und offenbar sehr selbstbewusste junge Frau mit schiefen Zähnen. Dass sie ein Nerd ist, also jemand, der Technik begeistert seine Internetsucht zum Stilmittel erklärt – aus der Not eine Tugend macht – und sich entsprechend inszeniert, sollte sie eigentlich disqualifizieren. Erniedrigt und reduziert man sich selbst nicht, wenn man erklärt, man sei Nerd oder Nerdette? In der Regel haben Nerds und Nerdetten wenig mit „richtigem Leben“ zu tun. Aber das wäre eine andere Debatte.

Ich weiß, dass meine Meinung im Netz nicht populär ist und meine Einstellung die einer Minderheit darstellt. Um so wichtiger, sie zu platzieren. Denn im Netz scheinen irgendwie alle die gleiche Meinung zu haben. Aufschrei. Kannst du deine Uhr nach stellen. Was natürlich nicht angehen kann, aber zu viel Tiefenschärfe will man hier auch gar nicht. Passt nicht in 140 Zeichen. Und so trifft man bei den Bewunderern der Aufschrei-Nerdette die üblichen Verdächtigen. Im Grunde egal, was du tust, wenn du Aufmerksamkeit bekommst und einer von diesen Digital Citizens, den Nerds bist, hast du auf jeden Fall Rückendeckung. Du brauchst nur das richtige Schlagwort, eins, das man schnell greifen und verarbeiten kann. Pirat ist so eins. Oder eben Aufschrei. Man muss aber höllisch aufpassen wenn man die Twitterer und die Nerd derart kritisiert, dass man nicht plötzlich Zielscheibe von wüsten Beleidigungen, Hass, Verachtung und einem Shitstorm wird. Dazu gibt es natürliche keinen #Aufschrei.

Es würde sicher keiner real erniedrigter Frau – ob verbal oder physische vergewaltigt, unter ihrem richtigen Namen und dem Hashtag #Aufschrei outen. Auch Mädchen nicht, die bei Twitter viel häufiger zu finden sind, als gestandene Frauen. Auch die Täter, gestörte, verletzte Männer, werden mit dem Kurznachrichtendienst und der Hysterie dort nichts zu tun haben. Sie werden sie kaum wahrnehmen. Die schöne, digitale, einfache Twitterwelt ist nicht die verwirrende Realität da draußen. Hier brauchen wir etwas anderes, um Übergriffe noch besser zu verhindern und aufzuklären.

Differenzierung, Skepsis, Zweifel und Zurückhaltung sind nichts für den Nerd und die Nerdette. Wahrscheinlich nicht schnelllebig genug.

Die #digitaleöffentlichkeit ist ein Spuk. Es gruselt einen manchmal, was da an die Oberfläche suppt. Von völlig fehlgeleiteten Äußerungen, wildem Zitateabklatsch bis bierernsten Ideologiefloskeln und Verschwörungformeln ist alles enthalten. In 140 Zeichen wohlgemerkt. Ganz Verwegene trauen sich sogar, komplexe Zusammenhänge auf Twitter zu diskutieren. Wobei man davon ausgehen kann, dass weniger als die Hälfte die umstrittenen Artikel überhaupt gelesen hat oder den Sachverhalt auch nur annähend wiedergeben kann. Ein Trauerspiel. Aufschrei. Eine Verarmung im Geiste – oder ist es „nur“ juegendliche Ungestümtheit? – tritt da zutage, die einen in den rettungslosen Kulturpessimismus treiben kann.

Und so bleibt festzuhalten, dass „wir alle hier als Digital-Irre in so ner kleinen Twitterblase leben“ (Das Digitale Quartett). So ist es. Man kreist um sich selbst und fühlt sich als Kraut. Genialer Trick.

Aufschrei-Debatte auf Twitter unter:
https://twitter.com/search?q=%23Aufschrei&src=typd

Foto: P_Ka

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