Die Netz-Evangelisten im Zentrum der Welt

Auch die Kirche dachte damals, die Erde sei der Mittelpunkt der Welt und alles drehe sich um sie. Heute denken so die Netz-Enthusiasten und Onliner. Sie glauben, alles drehe sich um die digitale Welt. Das Internet, davon sind sie überzeugt, kann die Welt retten, Revolutionen auslösen, Demokratie erhalten, unsere Zukunft gestalten Das Web halten sie für den Motor der Wirtschaft, zumindest in der Zukunft. Die Liste, für das das Netz herhalten muss, ist endlos … aus der Sicht der Evangelisten, der „technology evangelists“.

Ohne Zweifel leben diese Menschen in einer ganz eigenen Welt. Ich darf das sagen, weil ich nicht nur drei gelernte und extrem unterschiedliche Berufe ausgeübt habe, sondern weil ich in meiner redaktionellen Tätigkeit (für ein Online-Magazin im Übrigen) sehr viele Leute unterschiedlichen Alters treffe. So lange man sich nicht in den Online-Kreise bewegt, als auf den Camps, den Weeks, den Konferenzen und Workshops, ist das Internet stets Nebensache, eine Zugabe, ein Gimmick, das einen nicht weiter juckt. Telefonieren ja, smsen, Videos auf Smartphone, Facebook, etwas Shoppen, Fernsehprogramm, das wars im Groben. Das Leben, das richtig echte Leben, spielt sich eben nicht im Web ab.

Und spätestens nach dem NSA-Skandal treten die Ressentiments gegen das Netz und seine Technologie recht deutlich zutage.

Man glaubt, jeder hätte oder bräuchte ein Facebook-Profil oder würde regelmäßig im Netz einkaufen und die Zahlen würde immer und ständig steigen. Man behauptet, jeder bräuchte heute ein Online-Profil für die Bewerbung und müsst mit Netz und Computer umgehen können wir mit einem Käsebrötchen. Dass das alles Unfug ist und nur ganz bestimmte Berufe betrifft, darauf kommt man einfach nicht. Dass die Twittermeldungen und Facebookkommentare, die uns in Fernsehdiskussionen zum Fraß vorgeworfen werden, nicht die Meinung „der Bevölkerung“ wiederspiegeln oder überhaupt eine andere, als einen sensationelle Bedeutung haben, darauf kommt man einfac nicht.

Dabei wissen die aufgeklärten Bürger, das wir ganz andere Probleme haben. Und viele begreifen auch langsam, dass es nicht die Technologie sein kann, die uns retten, sondern das es um ganz andere Dinge gehen wird, um „soziokulturelle Techniken“, wie es der Zukunftsforscher Matthias Horx, dem ich dazu einmal eine Fragen stellen durfte, es ausdrückte.

Das interessiert den Onliner nicht, den Evangelisten, der vom Internet und seinen Usern lebt. Wenn es nicht irgendwelche Blogger sind, die ihre Berühmtheit und ihren Erfolg maßgeblich den Offline-Medien verdanken, sind es CEOs, Gründer, Techniker, Glücksritter, Hacker. Also Elite. Jedenfalls haben diese Leute nichts mit dem Normalbürger zu schaffen. Im Denken nicht.

Aus von diesen lesen wir dann Sätze, die sich gewaschen haben, also marketingmäßig im Sinne der Aufmerksamkeitsökonomie gewaschen haben. Sie drücken aus, dass es das Internet gibt und nichts als das Netz. „Die Möglichkeit von Gerechtigkeit in Zeiten von Big Data und Prism gehört zu den größten Herausforderungen dieser neuen Zeit“, meint der Chefredakteur von Deutschland, Alexander von Streit.

Für mich ist das derart dreist und sehr eigen, das man solche Sätze nicht kommentieren kann. Sie sind aber typisch für Leute, die das Internet und seine aberwitzigen Daten für zentral im modernen Leben halten. Als scheinen sie nicht zu wissen, dass die meisten Leute, mit dem Netz gar nichts zu tun haben. Im Inland nicht und weltweit auch nicht. Und das wird sich in Zukunft noch deutlicher zeigen, nicht zuletzt durch diesen Datenskandal. Wer andere Wert hat, als die digital Inselbegabten, mehr wert auf Natur und Natürlichkeit, auf INNERLICHKEIT und Geheimnis, Privatheit und Intimität, auf Freizeit und Familie legt, auf Autonomie, Nachbarschaft und Mitmenschlichkeit, den interessiert diese „große “ gar nicht.

Abgesehen davon, dass es die „totale Überwachung“, von der viele Netzaktivisten ständig faseln, in den westlichen Demokratien gar nicht gibt und geben kann. Wir hätten dann nämlich keine Kriminalität mehr und auch andere Phänomene wären mit einer totalitären Überwachung aller Bürger undenkbar. Dabei sollten gerade wir deutschen wissen, was totale Überwachung eigentlich bedeutet. Sie ist immer mit Toten verbunden, mit gerichtlicher Willkür und Rechtsprechung, die offensichtlich unmenschlich ist. Wir hätten es außerdem mit einem Jargon zu tun, der es einem kalt über den Rücken laufen lässt. Die Polemiken und Ängste insbesondere der Deutschen nutzen schon einen ähnlichen Jargon, wie dieser Begriff der „totalen Überwachung“ belegt.

Es geht nicht darum, den Daten-Skandal herunterzuspielen. Sondern darum, die Kirche im Dorf zu lassen. Denn diese unsere Zeit hat ganz andere Herausforderungen als einen amerikanischen Geheimdienst, der versucht das Leben seiner Bürger zu beschützen.

Die Verschmutzung der Meere, den Atommüll, Klimawandel und Überbevölkerung, Industrialisierung in den Schwellenländern, Arbeitslosigkeit in Südeuropa, erneuerbare Energien, Frieden in Nahost, die bedrohlichen Diktaturen in Asien, Erhaltung der Biodiversität und der kulturellen Vielfalt, Bildung, Armut, Monsterstädte. Die Herausforderungen sind so gigantisch und es sind so viele, dass die digitalen Belange und eine großangelegte Auswertung von Kontaktdaten (Metadaten) im Internet überhaupt nicht ins Gewicht fallen.

Es ist eine Frage der Perspektive. Die digitale Perspektive ist für die Zukunft der Menschheit irrelevant.

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1 Kommentar

  1. Offline.me

    Haben den Artikel neu geschrieben, da der alte tatsächlich grotte und voller Fehler war. Manchmal hilft es, etwas Stress abzubauen, einen Augenblick nachzudenken und die Sache in Ruhe neu zu schreiben.

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