Während sich junge Männer und gestandene Kerle Vollbärte wachsen lassen, weil das im Trend liegt, weil es nerdig ist, in Nordamerika Kreativität und Coolness vorgaukelt, biedert sich vor allem der Netz-Journalismus an die Digital Natives an. Mit aller Macht will man den Anschluss nicht verlieren und ist sich hier für nichts zu schade. Plötzlich ist alles digital. Auf einmal möchte man unbedingt von den Bloglesern und -schreibern ernst genommen werden. Man müht sich, das Twitter-Diskussionsniveau (140 Zeichen) und die hysterische Dramatisierung im Netz gnadenlos zu unterbieten. Und landet bei Headlines wie: „Meteoriten-Gefahr – Warten auf Gottes Hammer“ auf SPIEGEL ONLINE () vom 16. Februar 2013. Herzlichen Glückwunsch.

Dabei war es zunächst die erzkonservative WELT, die sich an die und Nerds anschleimte. Zunächst verkappt mit dem neuen, zusätzlichen Format der WELT KOMPAKT, deren Chefredakteur Frank Schmiechen auf keiner Unkonferenz – wie die Laberbuden der Nerd- und genannt werden – fehlte. Nach einer gewissen Neuausrichtung der SPRINGER-Publikation (Abendblatt Online kostenpflichtig, BILD lautschreierisch wie gehabt, WELT KOMPAKT für moderne, junge Leser), orientierte sich DIE WELT weiter nach rechts. Nach sehr unangenehm christlich-konservativ. Da, wo sie herkommt. Während sich die kleine Schwester mit der Kompakt-Ausgabe die Themen der Internet-Aktivisten zu eigenen macht und sich auch an gröbste Plattheiten anzubiedern weiß. Wers mag. Aber ganz geschickt.

Die größte publizistische Macht im deutschen Internet ist seit vielen Jahren aber SPIEGEL ONLINE. Das erfolgreiche Nachrichten-Portal hatte sich prächtig entwickelt und im Netz auf Maßstäbe gesetzt. Sowohl Layout, als auch Themen und Geschwindigkeit, sowie die Qualität der Beiträge brachten der Website unerreichte Besucherzahlen. Mit dem Einstieg der Journalistin und Bloggerin Katharina Borchert begann aber auch eine neue Qualität der Anbiederung an die seltsame Welt der Blogger und Netzhelden. Der als Antisemit gescholtene Verschwörungstheoretiker Jakob Augstein bekam ebenso seine Stimmte auf SPIEGEL ONLINE, wie der Selbstvermarktungs-Experte Sascha Lobo, der endlich an einem vernünftigen Schreibstil arbeiten dürfte, und die Romantikerin, Autorin und Poetin Sibylle Berg. Das flutscht wie Öl ins Auge der unschwärmten Crowd. Das liest man gern, wie verwirrt die Kolumnen auch waren. Man kennt es von sich selbst, der Kreis wurde geschlossen.

Drama, Hysterie, Netzgemeinde, Meteoriteneinschlag, Feierabend

Und heute auf SPON die Schlagzeile, die sich schon lange angekündigt hatte: Warten auf Gottes Hammer. Journalisten insgesamt brachen schlechte Nachrichten, weil das gute Nachrichten sind. Denn das wollen wir lesen. Wir alle. In diesem Handwerk tut man alles, um Hysterien zu befeuern, Dramen zu inszenieren, archaische Ängste zu schüren und die Leser zu ihren Werbebannern zu locken. So ist es nur konsequent, wenn auch SPIEGEL ONLINE diesen traurigen Weg bis zuletzt geht. Um nicht den Anschluss und vielleicht sogar Leser zu verlieren. Um weiterhin Erfolg zu haben und Aufmerksamkeit.

Es ist irgendwie wie mit der Fertig-Lasagne für 1,99. Wer ist so was? Und warum wundert man sich, wenn nicht das drin ist, was drauf steht?

Wenn das nicht weitere, gute Gründe sind, um endlich abzuschalten, offline zu gehen und sich kopfschüttelnd abzuwenden von einem Netz des Wahnsinns, des gnadenlosen Kommerzes und die „Glorifizierung des Banalen“. Wenn das alles nicht die besten Gründe sind, um endlich diesen vielen, dämlichen, erbarmungswürdigen Gedanken zu entkommen und auszuschalten – dann weiß ich es auch nicht

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