Die Jury hat in diesem Jahr sehr lange diskutiert, ob das 2016“ wirklich aus dem plakativen und polemischen Sprachgebrauch stammen sollte, den Angehörige und AnhängerInnen von Pegida, AfD oder ähnlichen Initiativen verwenden – und eine Einigung auf ein konkretes Wort fiel schwer. Es ist uns auch bewusst, dass wir mit ein Wort gewählt haben, das sich dem bereits 2014 gewählten Wort Lügenpresse an die Seite stellen lässt. Doch die Einsendungen zeigen, dass sich der Großteil öffentlicher Sprachkritik gegen einen diffamierenden Sprachgebrauch im Themenfeld Migration richtet.

Die Aktion „Unwort des Jahres“ versteht sich als eine sprachkritische Initiative, die in einer Zeit, in der der gesellschaftliche Konsens über die Grundprinzipien der Demokratie in Gefahr zu sein scheint, die Grenzen des öffentlich Sagbaren in unserer anmahnen sollte. Es geht dabei nicht um einen Versuch der Zensur oder Sprachlenkung, sondern darum, für mehr Achtsamkeit im öffentlichen Umgang miteinander zu plädieren. In diesem Jahr wurde daher
auch kein anderes Unwort nominiert, um der mit der Wahl ausgedrückten Kritik an dem derzeit in sozialen Netzwerken, aber auch in der Politik zunehmenden Sprachgebrauch mit faschistischem und fremdenfeindlichem Hintergrund mehr Gewicht zu verleihen.

Volksverräter ist ein Unwort im Sinne unserer Kriterien, weil es ein typisches Erbe von Diktaturen, unter anderem der Nationalsozialisten ist. Als Vorwurf gegenüber PolitikerInnen ist das Wort in einer Weise undifferenziert und diffamierend, dass ein solcher Sprachgebrauch das ernsthafte Gespräch und
damit die für Demokratie notwendigen Diskussionen in der Gesellschaft abwürgt. Der Wortbestandteil Volk, wie er auch in den im letzten Jahr in die
öffentliche Diskussion gebrachten Wörtern völkisch oder Umvolkung gebraucht wird, steht dabei ähnlich wie im Nationalsozialismus nicht für das Staatsvolk als Ganzes, sondern für eine ethnische Kategorie, die Teile der Bevölkerung ausschließt. Damit ist der Ausdruck Volksverräter zudem antidemokratisch, weil er – um eine Einsendung zu zitieren – „die Gültigkeit der Grundrechte für alle Menschen im Hoheitsgebiet der Bundesrepublik“ verneint.

Für das Jahr 2016 wurden 594 verschiedene Wörter eingeschickt, von denen ca. 60 den Unwort-Kriterien der Jury entsprechen. Die Jury erhielt insgesamt 1064 Einsendungen. Die zehn häufigsten Einsendungen insgesamt, die allerdings nicht sämtlich den Kriterien der Jury entsprechen, waren postfaktisch [48], Populismus/Rechtspopulismus [38], (bedauerlicher) Einzelfall [21], Gutmensch [18], (Flüchtlings-)Obergrenze [17], Flüchtlingsdeal [15], Biodeutscher/biodeutsch [14], Umvolkung [12], Wir schaffen das! [11] und eine Armlänge/eine Armlänge Abstand [10].

Der Ausdruck Volksverräter wurde insgesamt dreimal eingesendet. Die Jury der institutionell unabhängigen Aktion „Unwort des Jahres“ besteht aus folgenden Mitgliedern: den vier SprachwissenschaftlerInnen Prof. Dr. Nina Janich/TU Darmstadt (Sprecherin), PD Dr. Kersten Sven Roth (Universität Düsseldorf), Prof. Dr. Jürgen Schiewe (Universität Greifswald) und Prof. Dr. Martin Wengeler (Universität Trier) sowie dem Autor und freien Journalisten Stephan Hebel.

Als jährlich wechselndes Mitglied war in diesem Jahr die FDP-Politikerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger beteiligt. Weitere Informationen finden zur Aktion „Unwort des Jahres“, den Auswahlkriterien und bisherigen Unwörtern finden Sie unter www.unwortdesjahres.net.

Titelbild: Bestimmte Rechte vorbehalten von peterme

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