Was gibt es also rückblickend hervorzuheben, was taugt für einen digitalen Jahresrückblick? Was gab es Neues, Spannendes, Weltbewegendes, Sinnvolles in der digitalen Welt? Was im Cyber Space lohnt einen zweiten Blick und eine kreative Reflektion, um vielleicht zu überraschenden Schlüssen zu kommen? Die Antwort: Gar nichts. Es ist alles beim Alten.

Die Arschlöcher wollen die Herrschaft über das Internet, die guten Arschlöcher haben sie. Putin, die Ajatollahs und Chinesen verlangen die volle Kontrolle über das WWW zumindest in ihrem Land. Das wollen die Amerikaner nicht, die Wächter der Freiheit. Und somit herrschen nach wie vor die Programmierer, Statistiker, Mathematiker, Technokraten und Ökonomen von Google über das Netz der Netze. Die Crowd frisst das weiterhin mehr oder weniger klaglos. Sie ists zufrieden. Oder zu dämlich, zu desinteressiert, zu nerdich oder einfach aufs Shoping und den Cat-Content fokussiert.

Na ja, eine Erkenntnis gab es dann doch in diesem Jahr 2012. Jedenfalls für mich. Nerds – anderswo heißen die Geeks – sind die besseren Autisten. Das wars auch schon. Ja, es meint, dass sie irgendwie kontaktgestört sind und auf merkwürde Weise mit ihrem Körper nicht auf Du. Zwar anwesend, aber gleichzeitig abwesend. Ob Konferenz, Bushalte, Straßenkreuzung, Konzert, Meeting, Sport oder Freizeit – mit Ausnahme der Sauna – stets verstecken sie ihre Birne hinter einem coolen Plastik-Blech-Mischung mit der sie zu fremden Wesen im Weltall Kontakt pflegen. Und zwar ständig. Bei jeder Verrichtung.

Stereotypical Geek

Und sonst? Geschäfte. Verkaufen. Es geht nur ums verkaufen. Das mit der Demokratie, die durch die Netzaktivisten beflügelt wird, ist eine grandiose Illusion. Apropos: Die Spezialisten schreiben nach wie vor tolle Bücher über das Internet und leben davon. Sie beweihräuchern sich und ihren Fetisch, die Digitalität. Alles soll ich geändert haben, ja, das Wort Revolution schwappt ihnen unermündlich aus dem Mund voll des Lobes. Das Bisschen Kritik an der Sache, dass sie unterbringen müssen, um auch außerhalb ihrer Wirkkreise ernst genommen zu werden, ist schnell abgehandelt. Meist dreht es sich um Datenschutz und die großen Machtmonopole, die sie mit aufblähen helfen. Doch zu substanzieller, inhaltlicher Kritik am Internet und der vermaledeiten digitalen Revolution sind sie nicht fähig. Alle, wie sie da sind. Allen voran der Marketing-Experte (in eigener Sache) Sasha Lobo, der aber hin und wieder ein paar sinnvolle Gedanken auf SPIEGEL ONLINE beiträgt; Mercedes Bunz mit ihrer aktuellen Lobhudelei “Die stille Revolution”, Markus Beckedahl, der wenigstens für die digitalen Gesellschaft die Machtfrage stellt. Der Fluch – Lobo & Passig: Internet – Segen oder Fluch: Buch inklusive E-Book – kann eben von vielen Autoren nicht bemerkt werden, da sie die notwendige Distanz zur Sache nicht mehr aufbringen (können). Deshalb wird er vielleicht mal angerissen und seine Existenz nicht bestritten. Worin der Fluch des Internets aber genau besteht und welch vielfältigen Auswüchse der auf uns als Menschen hat, wird gar nicht erst ernst genommen.

Das Netz ist immer noch eine gigantische Geldmaschine. Das ist es. In allerster Linie. Und ein Räuber, ein Lebenszeiträuber. Das echte Leben, in dem man zur Welt kommt, Menschen berührt und von ihnen berührt wird, in dem man krank wird und stirbt, in der man sich bewegen muss und Körper und Seele und alles drumherum pflegen muss, kommt hier zu kurz. Vielleicht liegt das daran, dass viele Netz-Fetischisten, Nerds, Geeks, Euphoristen und die ganzen digitalen Mainstreamer keine Kinder haben. Denn mit Kindern gibt es andere Prioritäten.

Ich traf auch in 2012 viele Menschen, die mit dem Internet und dem digitalen “Realität” nichts zu tun haben. Die ihr Geld nicht in Smartphones und Tablets und den neuesten Schnickschnack stecken. Die andere Prioritäten haben und davon überzeugt sind, dass sich die andere, die alte Art zu leben, mehr lohnt. Ihnen widme ich diesen Beitrag. Und ich versichere ihnen, dass sie hier im Netz nichts, aber auch gar nichts verpassen. Und ich darf das sagen, weil ich vom Internet lebe und meine Arbeitstage und etwas mehr tatsächlich im Netz verbringe. Es ist nicht alles Schmutz, was dunkel ist, aber auch nicht alles Gold, was glänzt. Die digitale Boheme wird vielleicht irgendwann dahinter kommen. Ist aber nicht wirklich zu erwarten.

Fotos: Titelbild by Campus Party Mexico; Stereotypical Geek by Allan